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Rezension 

     

Martin Mahner: Naturalismus. Metaphysik der Wissenschaft 


Alibri-Verlag, 2018. ISBN 3865692230. 246 Seiten. Preis: 18,- €

     

Ruhen die Realwissenschaften auf metaphysischen Annahmen? Eine breite Mehrheit von Wissenschaftlern dürfte diese Frage entschieden verneinen. Wissenschaft, so die populäre Meinung, beschäftige sich ausschließlich mit Fakten und Belegen. Und um sie zu gewinnen, genüge ein "virtuoser Zirkel" aus Theorienbildung und Theorienüberprüfung. Dieser Zirkel ist unter der Bezeichnung wissenschaftliche Methode geläufig. Aber dass diese "Methode" ohne ein bestimmtes metaphysisches Fundament gar nicht erst sinnvoll anwendbar wäre, ist kaum bekannt. Intellektuelle, die dem Empirismus nahestehen, setzen Metaphysik gar mit nutzloser Spekulation oder Religion gleich – ein schwerer Irrtum, wie der Biologe und Wissenschaftstheoretiker Martin MAHNER in seinem Buch darlegt.   

   

Warum ein Buch über den metaphysischen Naturalismus? 


Bereits der Titel verdeutlicht in erfrischender Klarheit, dass die Wissenschaften nicht ohne den metaphysischen (oder: ontologischen) Naturalismus auskommen. Um die bekannten Abwehrreflexe zeitgenössischer Wissenschaftler zu kontern, betont der Autor, dass Metaphysik (Ontologie) mit Religion heute nichts mehr zu tun haben müsse. Vielmehr handele es sich um eine respektable philosophische Disziplin, die allgemeine Fragen zum Sein und Werden der Welt thematisiert. Die Metaphysik behandelt Fragen, die den Zuständigkeitsbereich der Einzelwissenschaften übersteigen: Gibt es eine subjektunabhängige Wirklichkeit? Was ist Kausalität? Kann etwas aus nichts entstehen? Ist das Universum "kausal geschlossen"? Und so weiter.

Der Naturalismus der Realwissenschaften ist ebenfalls metaphysisch; er postuliert, dass es in der Welt überall "mit rechten Dingen" zugeht. Freilich ist dies ist eine stark verkürzte Definition, die Philosophen im Rahmen einer systematisch ausgearbeiteten Ontologie konkretisieren müssen. Intuitiv weiß aber jeder, was damit gemeint ist: Übernatürliche Wesen wie Götter, Gespenster und Dämonen brauchen sich als personale immaterielle Geist-Entitäten weder an Naturgesetze zu halten noch notwendigerweise mit materiellen Objekten ("Dingen") zu interagieren. Sie sind Wesen mit beliebigen magischen Fähigkeiten. Dem Naturalismus zufolge existieren solche Entitäten nicht. Und in der Praxis verhalten sich alle Wissenschaftler wie metaphysische Naturalisten. Andernfalls müssten sie ihren empirischen Methoden misstrauen, da diese (etwa, wenn ein Experiment scheitert) übernatürlich beeinflusst sein könnten.

Mit der naturalistischen Basis ist es wie mit der muttersprachlichen Grammatik: Intuitiv wenden wir sie alle an, systematisch darlegen können sie nur wenige. Solange sich Wissenschaftler auf ihr Handwerk beschränken, ist das unproblematisch. Da jedoch Angriffe "von außen" nicht ausbleiben, ist es notwendig, sie zu verteidigen. Spätestens wenn wir uns mit dem Kreationismus beschäftigen und darlegen müssen, warum er nicht als wissenschaftliche Alternative zu den etablierten Theorien taugt, ist die Rückbesinnung auf metaphysische Aspekte erforderlich.

In überzeugender Weise schlägt MAHNER die logische Brücke zwischen naturalistischer Ontologie und Methodologie. Er klärt auf, warum Operationen wie Beobachten, Experimentieren, Erklären sowie das Überprüfen von Theorien nicht metaphysisch voraussetzungsfrei zu haben sind. Bereits die Annahme, dass eine Substanz in einer Messapparatur weder aus dem Nichts entstand noch ins Nichts verschwindet, ist metaphysisch. Experimente wären sinnlos, wenn wir in Betracht zögen, dass unsere Datenerhebung, Wahrnehmung und theoretischen Interpretationen durch Übernatürliches kontaminiert sein könnten.    

   

Kommt die Wissenschaft mit einem schwächeren Naturalismus aus? 


Um diese Konsequenz zu vermeiden, einigten sich die Supranaturalisten geflissentlich auf die These, dass sich das Übernatürliche nur dort austobt, wo es um heilsgeschichtliche Zusammenhänge geht: beim Erhören von Gebeten etwa, bei der Erschaffung der menschlichen Seele und der Welt. Dort hingegen, wo experimentiert und theoretisiert wird, soll alles Übernatürliche konsequent wegschauen. Unser Autor entlarvt diesen sogenannten Nicht-Interventionismus als willkürliche Hilfshypothese, die dazu dient, den Supranaturalismus wissenschaftskonform zu gestalten.

Konsequent sind aus MAHNERs Sicht nur zwei Positionen: zum einen der starke ontologische Naturalismus, der die Existenz von Übernatürlichem verneint. Sein Markenkern ist der Anspruch der universellen Geltung bzw. Reichweite, der, wie wir noch sehen werden, scheitern könnte. Konsequent ist zum anderen der Okkasionalismus von Nicolas MALEBRANCHE (1638–1715), wonach alle in der Natur stattfindenden Prozesse, einschließlich kognitiver Zustände, eines göttlichen Anstoßes bedürftig seien. 

Wissenschaft zu betreiben wäre unter dieser Annahme nicht vernünftig möglich. Religiöse mögen zwar behaupten, ihr Gott garantiere die Vertrauenswürdigkeit unserer Wahrnehmungen, da er uns nicht täusche. Wer einen solchen Gott ins Auge fasst, kann aber nicht intersubjektiv nachvollziehbar erklären, warum es nicht auch geboten sein sollte, Interventionen des Teufels oder diverser Lügengeister zuzulassen.

Prinzipiell können Supranaturalisten unendlich viele übernatürliche Entitäten einfordern, auch solche, die den einschlägigen Märchen- und Horror-Genres entstammen. Wer dieses sogenannte Proliferationsproblem des Supranaturalismus vermeiden möchte, kommt am starken ontologischen Naturalismus nicht vorbei.     

   

Kann es Belege für Übernatürliches geben? 


Überraschenderweise gibt es selbst Atheisten wie den Philosophen Bradley MONTON, die meinen, die Wissenschaft verabschiede sich von der Suche nach Wahrheit, wenn sie nur natürliche Erklärungen zuließe. Der ontologische Naturalismus sei eine unberechtigte Vorfestlegung, ein Dogma. Diese Behauptung weist MAHNER zurück: Wer so argumentiere, übersehe, dass die Erkenntnis von Wahrheit Belege erfordere, und dass Belege an philosophische Voraussetzungen geknüpft seien. Die Annahme, dass es prinzipiell wissenschaftliche Belege für Übernatürliches geben könne, ist, wie unser Autor erläutert (S. 65ff), ein Irrtum.

Um eines seiner Beispiele aufzugreifen: Nehmen wir an, etwas, das aussähe, wie ein Engel, schwebte vom Himmel herab und erweckte einen Leichnam zum Leben (S. 115). Ohne zu zögern, würden dies viele als Prima-facie-Beweis für Übernatürliches werten. Warum? Weil es uns unerklärlich erschiene und mit dem biblischen Weltbild harmonieren würde. Doch so einfach liegen die Dinge nicht!

Der Autor gibt zu bedenken, dass wir als erstes die Frage klären müssten, ob wir einen realen Sachverhalt beobachteten oder einer Halluzination erlägen. Beobachteten wir Reales, müsste weiterhin sichergestellt sein, dass sowohl das Totenerweckungserlebnis als auch unsere Wahrnehmung davon natürlich zustande kämen. Nur dann wäre es, wie oben erläutert, Grundlage für einen empirischen Beleg. Dies führt nach MAHNER zu der paradoxen Situation, dass wir, sobald wir das Übernatürliche akzeptieren würden, nicht mehr ausschließen könnten, dass unsere Wahrnehmung manipuliert wäre.

Mit anderen Worten, der scheinbare Prima-facie-Beweis ist kein wirklicher Beleg. Die wissenschaftlichen Methoden, die wir zur Erlangung empirischer Belege benötigen, setzen nämlich die Abwesenheit dessen voraus, was unser Beispiel dem Augenschein nahelegt: Übernatürliches. Der Naturalismus ist eine notwendige Vorbedingung für Prüfbarkeit.

Zudem würde sich die Frage stellen, von welcher Natur das Totenerweckungserlebnis wäre. Ein übernatürliches Engel-Szenario ließe sich grundsätzlich nicht von einem solchen unterscheiden, in dem uns hoch entwickelte Außerirdische etwas vorgaukelten. Ein solches, rein natürliches Szenario wäre weitaus plausibler als jede übernatürliche Hypothese. Annehmbarer erschiene uns die übernatürliche "Erklärung" nur, weil die christliche Lehre fester Bestandteil unserer Tradition ist.      

   

Übernatürlich oder transnatürlich? 


Der Autor verweist auf einen weiteren Aspekt: Bevor wir übernatürliche Entitäten wie Engel beobachten könnten, müssten sie sich teilweise selbst naturalisieren. Sie müssten wie materielle Gegenstände mit uns interagieren, Licht reflektieren und Laute erzeugen. Damit wären sie aber im engeren Sinn nicht mehr als übernatürlich klassifizierbar. Streng genommen wäre das Übernatürliche von einer gänzlich anderen Kategorie, wie etwa die unbefleckte Empfängnis, die fortgesetzte Schöpfung (creatio continua) oder die Transsubstantiation – die Verwandlung von Hostie und Wein in Leib und Blut Christi. Für derlei Sachverhalte kann es erst recht keine Belege geben, denn sie unterscheiden sich kategorial von allem Natürlichen.

MAHNER (S. 38) unterstreicht daher die Wichtigkeit, in Anlehnung an den Philosophen Herbert SPIEGELBERG das Supernaturale in zwei Formen zu unterteilen. Er unterscheidet das Übernatürliche, das sich zumindest ansatzweise (graduell) auf der Basis natürlicher Eigenschaften und anthropomorph denken lässt, vom Transnatürlichen. Das Transnatürliche entspräche in keiner Weise mehr dem Sinnlich-Physischen und überstiege jede Verständlichkeit. Und während sich die Alltagsreligion anthropomorphen Gottesvorstellungen zuwendet, transnaturalisiert die Theologie Gott als den Ganz Anderen. Letzteres bringt den Vorteil mit sich, dass sich Gottes Natur und Handeln in der Welt bequem gegen Kritik immunisieren lässt (S. 41). Da es transnatürlichen Konzepten eklatant an semantischem Inhalt mangelt, weiß niemand, wovon die Rede ist. Das Unverständliche lässt sich nicht widerlegen.       

   

Nullhypothese oder notwendige Bedingung für Wissenschaft? 


Halten wir mit MAHNER fest, dass der Atheist (und allgemeiner auch der Naturalist) "nicht jemand [ist], der die Existenz Gottes dogmatisch leugnet, sondern lediglich jemand, der mangels guter Gründe und empirischer Belege von der Nichtexistenz Gottes ausgeht. Diese Nichtexistenzvermutung ist nichts anderes als eine ontologische Nullhypothese, die vom Theisten zu widerlegen ist, indem er Belege oder wenigstens gute Argumente für die Existenz eines Gottes liefert" (S. 61).

Diese Aussage legt nahe, der metaphysische Naturalismus sei zumindest indirekt widerlegbar. Ist das nicht ein Widerspruch zur Feststellung, der Naturalismus sei kein Ergebnis realwissenschaftlicher Forschung, sondern eine "notwendige metaphysische Bedingung" (S. 156) für das Betreiben von Wissenschaft? Der Autor verneint dies und erklärt, warum je nach Kontext beides zutrifft. Würde Anomales wie die beschriebene Totenerweckung geschehen, würden Dinge ins Nichts verschwinden oder aus dem Nichts auftauchen oder magische Romanfiguren unsere gesetzesmäßige Welt auf den Kopf stellen, verflüchtigte sich ein Teil des bislang so erfolgreichen wie kohärenten Theoriensystems der Wissenschaft. Die Nullhypothese, wonach der Naturalismus universell gilt (das heißt: der starke ontologische Naturalismus), wäre gescheitert.

Falls das Anomale Übernatürlichem geschuldet wäre (und nicht irgendwelchen außerirdischen Scherzbolden beispielsweise), könnten wir diese Vermutung nie empirisch-wissenschaftlich absichern. Wir könnten nur das Scheitern der naturalistischen Universalitätsannahme feststellen. Wissenschaft wäre nur noch lokal oder regional erfolgreich, also dort, wo es natürlich zugeht. Auch wenn die Reichweite des Naturalismus abgeschwächt werden müsste, bliebe der Naturalismus metaphysische Grundbedingung der Realwissenschaften.          

   

Metaphysischer oder methodologischer Naturalismus? 


MAHNER (S. 147) bezieht auch zu dem Einwand Stellung, wonach statt dem ontologischen Naturalismus eine methodologische Regel ausreiche. Sie laute: "Greife zur Erklärung der Welt nicht auf übernatürliche Ursachen zurück". Dieser sogenannte methodologische Naturalismus bürgerte sich vor allem in den USA ein, wo zwischen Naturwissenschaftlern und religiösen Hardlinern ein regelrechter Krieg tobt. Denken wir an die Auseinandersetzung zwischen Kreationisten und Evolutionsbiologen. Gerade im berüchtigten "Bible Belt" erscheint es ratsam, die Menschen behutsam zu einer liberaleren Religion zu bringen. Mit der metaphysisch-naturalistischen Keule würden wir sie stante pede ins kreationistische Lager zurück treiben.

Der Autor kann diese Auffassung nachvollziehen. Zugleich bemerkt er, dass die philosophische Analyse keine Rücksicht auf religiöse Bedürfnisse nehmen und unhaltbare Positionen absegnen könne (S. 149). Unhaltbar ist der "methodologische" Naturalismus, weil viele Charakterisierungen nicht wirklich metaphysikfrei sind. Die These etwa, Wissenschaft befolge den methodologischen Naturalismus, weil die Welt nach "uniformen natürlichen Prozessen" funktioniere, ist klar metaphysisch! Würden wir den Naturalismus rein als Verfahrensregel auffassen, wäre unklar, weshalb wir überhaupt nach ihr verfahren sollten. So "bleibt die Wahl und Anwendung dieser Regeln ohne eine dazugehörige Metaphysik unfundiert" (S. 152).         

   

Intelligent Design als Variante des teleologischen Gottesbeweises 


Da sich der Rezensent mit Intelligent Design (ID) befasst, einer "akademisierten" Variante des Kreationismus, ist für ihn Kapitel 6.4 von besonderem Interesse.

ID behauptet, über Indizien zu verfügen, die einen "intelligenten Ursprung" der Lebewesen nahelegten. Dazu zählten die sogenannten nicht reduzierbar ("irreduzibel") komplexen Artmerkmale. Nach allem, was wir aus der Technik wüssten, seien solche Merkmale planvoll entstanden. Da ID ferner evolutionsbiologische Erklärungen für deren Entstehung als unzulänglich zurückweist, sei der Schluss auf ID der Schluss auf die beste Erklärung. Dabei lässt ID die Frage nach der Natur des Designers bewusst offen. ID, so lassen dessen Proponenten verlauten, verweise nicht notwendigerweise auf Übernatürliches, sondern auf Planung allgemein.

MAHNER (S.117 ff) erläutert schlüssig, warum die Argumentation des ID philosophisch scheitert. Beispielsweise kommt, entgegen aller Beteuerungen, nur ein übernatürlicher Planer infrage (S. 123). Andernfalls wäre die erstmalige Entstehung von Leben (in Gestalt des ersten Planers) auf natürliche Faktoren wie Mutation und Selektion zurückzuführen. ID wäre ein "unbedeutender explanatorischer Zwischenschritt" hin zu einer echten evolutiven Erklärung, die ID gerade infrage stellt. Denken wir den Design-Ansatz konsequent zu Ende, greifen dort alle Argumente, die sich gegen den Supranaturalismus ins Feld führen lassen.

Tatsächlich kämpft der ID-Ansatz mit den gleichen Problemen wie die übernatürlichen Erklärungsangebote religiöser Hardliner. Ihr Gegenstandsbereich, das mutmaßliche "Design", ist unbekannt und unerforschlich, der ID-Ansatz praktisch inhaltsleer. Dessen Vertreter wollen nur festgestellt haben, dass irgendeine Intelligenz irgendwie Leben erschuf. Wie häufig und auf welcher Ebene der mutmaßliche Planer in die natürliche Entstehung der Arten eingriff, bleibt ebenfalls unklar. Üblicherweise kontert ID mit der Behauptung, es könne den Artefakt-Charakter an sich feststellen. Kenntnisse über den Designer und dessen Handlungs-Mechanismen seien nicht vonnöten.

Wie aber, fragt MAHNER rhetorisch, wolle man Design außerhalb menschlicher Artefakte "... feststellen, ohne die leiseste Ahnung davon zu haben, wie es zustande gekommen ist" (S. 129)?

Dass das nicht funktionieren kann, belegt ein Beispiel aus der Archäologie: Prähistorische Steine mit bestimmten Schlagspuren lassen sich mit konkreten Schlagtechniken menschlicher Urheber oder anderer Primaten in Verbindung bringen. So kann die experimentelle Archäologie prüfen, inwieweit bestimmte Vorgehens-Weisen mit dem Muster korrelieren. Zudem kann sie ergründen, welche Absichten die Urheber mit den Steinen verfolgt haben könnten. Und sie kann prüfen, ob es zu besagten Zeiten und an den entsprechenden Orten potenzielle Urheber gab.

Kurz: Indem die Archäologie potenzielle Primaten-Erzeugnisse mit bekannten Technologien abgleicht und nach potenziellen "Designern" fahndet, gelingt es ihr erst, die Design-Hypothese zu prüfen. Sie generiert Modelle, die konkrete Mechanismen und Nutzanwendungen postulieren und in diesem Sinn echte Erklärungen liefern. Wo dieses Wissen fehlt, ist die Archäologie nicht imstande, die Design-Vermutung zu bestätigen. Das ist das Problem des ID: Es existiert kein Hintergrundwissen, das es erlauben würde, den Schluss auf Design zu ziehen. Potenzielle nichtmenschliche Designer kennen wir nicht, und wir wissen nichts über mutmaßliche Mechanismen.

Entsprechend lautet das Urteil des Autors: "Um den Design-Ansatz glaubhaft zu machen, benötigt man neben Hintergrundwissen über die Absichten des Designers genau wie die Evolutionstheorie spezifische mechanismische Erklärungen als konkrete Modelle, die zeigen, welcher Designer auf welche Weise irreduzibel komplexe Organe geplant und ins Leben gerufen hat. … Damit kann man aber auch prüfen, ob dem Verweis auf einen Designer überhaupt eine mögliche Erklärungskraft zukommen kann, d. h., ob ID überhaupt in der Lage ist, ein alternatives Erklärungsparadigma anzubieten" (S. 122).

Das heißt, der Verweis auf nicht reduzierbar Komplexes bringt ID nicht weiter, zumal es als Design-Kriterium weder notwendig noch hinreichend ist. Selbst wenn die "augenscheinliche Geplantheit" (S. 126) eine reale Eigenschaft von Lebewesen wäre und die Evolutionstheorie als Erklärung ausfiele, würde daraus ID nicht zwingend folgen. Es gäbe noch andere natürliche Erklärungs-Möglichkeiten, zum Beispiel ein immaterielles Prinzip der Finalität. Derlei Erklärungen wären nicht weniger plausibel als ein intelligentes göttliches Design..          

   

Fazit 


MAHNER entfaltet den metaphysischen Naturalismus systematisch und legt stichhaltig dar, warum er eine notwendige Vorbedingung für wissenschaftliches Arbeiten darstellt. Er kontert Einwände gegen diese These und diskutiert, warum es unter Voraussetzung des Supranaturalismus keine Evidenz gibt. Und er lässt keinen Zweifel daran bestehen, dass jeder Versuch, Wissenschaft und Religion zu harmonisieren, auf einen faulen Kompromiss hinausläuft. Das wird die Religiösen nicht freuen – was nicht heißt, dass die liberaleren ihrer Zunft, im Gegensatz zu den Kreationisten, nicht sauber Wissenschaft betreiben können. Auf der metaphysischen Ebene jedoch knirscht es; religiöses und wissenschaftliches Denken gehen nicht Hand in Hand.

Ein Muss ist das Buch insbesondere für jene, die sich mit Intelligent Design befassen. Manchmal wären konkretisierende Beispiele hilfreich gewesen. Zum Beispiel wird nicht jedem Leser sofort einleuchten, warum ID "spezifische mechanismische Erklärungen" vorweisen muss, um zu überzeugen. Schließlich behauptet ID, unabhängig von der Mechanismen-Frage den Nachweis zu führen, Lebewesen seien Artefakte. Hier hätte sich der Autor noch tiefer auf die (deutschsprachige) ID-Literatur einlassen können. Doch das sind Aspekte, die nur wenig ins Gewicht fallen.

Alles in allem ist die Lektüre für naturphilosophisch Interessierte und Wissenschaftler, die sich für die metaphysischen Grundlagen ihres Tuns interessieren, ein Gewinn. Sie stellt all jene vor große Herausforderungen, die meinen, Wissenschaft sei metaphysisch neutral oder mit dem Supranaturalismus vereinbar. 
   

   

Autor: Martin Neukamm

     

          

     

   

                        

           


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol.          13.08.2019          Letzte Aktualisierung: 18.08.2019