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Gastbesprechung

     

John Lennox: Gott im Fadenkreuz 


Warum der neue Neue Atheismus nicht trifft. SCM-Verlag, Witten, 2. Auflage 2016. Preis: 19,95 €

     

Zusammenfassung


Bei einer atheistisch-naturalistischen Herangehensweise muss sich das Buch "Gott im Fadenkreuz" als kreationistische "Literatur" entpuppen.

Gleich zu Beginn werden Atheisten als "aussterbende Rasse" bezeichnet. In diesem Zusammenhang wird der "reproduktive Vorteil von Religiosität" herangezogen, um zu vermitteln, dass religiöser Glaube für den Fortbestand des Menschen von Bedeutung sei. Doch abgesehen davon, dass hier der Begriff "Rasse" falsch verwendet wird, zeigt die genaue Betrachtung demografischer Zusammenhänge, dass Religiosität nur einer von vielen Einflussfaktoren auf die Fortpflanzungsrate ist. Mit steigendem Lebensstandard und Bildungsniveau sinken auch in religiösen Gesellschaften die Geburtenraten deutlich, wie der Trend über die Jahrzehnte etwa im Iran, in Indonesien und in der Türkei zeigen (vgl. FOWID 2018).[1] 

Der Religiosität soll ein Fundament gegeben werden, indem sie J. Lennox bis in die Gene verankert sehen will. Gene für Religiosität gibt es jedoch nicht, dafür eine "Triade traditioneller Werte", welche eine erbliche Komponente besitzt. Ob man dann religiös wird, hängt von der prägenden Umwelt, vor allem dem Einfluss der Eltern ab.

Des Weiteren verwendet J. Lennox die Begriffe "Beweis" und "Beleg" inkonsistent, womit er sich aufs Glatteis begibt. Am Ende des Buches ist von "Hinweisen" Gottes die Rede, die keiner atheistischen Kritik standhalten.

Eine seiner Thesen lautet, dass die Wissenschaft nicht ohne Glaube auskomme. Diese Unterstellung ist insofern falsch, als empirische Wissenschaft auf keinen Fall dogmatisch ist, da sie ansonsten die Mindestbedingungen für Rationalität (Kritisierbarkeit) nicht erfüllen würde. Den in der Wissenschaft angewandten "methodologischen" Atheismus gibt es für J. Lennox gar nicht.

Wie immer darf der Physiker A. Einstein als Gewährsmann nicht fehlen. Aufgrund seiner Popularität und seiner missverständlichen Zitate wird er nur zu gern von Gläubigen für ihre Zwecke vereinnahmt. Der noch wenig bekannte "Gottesbrief" kann hier Klarheit über Einsteins wirkliche Gesinnung schaffen.

Das von R. Dawkins erwähnte "Gebetsexperiment" versucht J. Lennox mit der Bemerkung, die für das Experiment produzierten Gebete wären nicht echt gewesen, als wenig aussagekräftig zu entlarven. Der Leser bleibt hier unterinformiert, da er mit keiner Silbe erfährt, was es genau mit diesem Experiment auf sich hat.

J. Lennox versucht Hitler in tendenziöser Weise als ausgemachten Atheisten hinzustellen, um die negativen Konsequenzen eines Abschaffungsversuchs der Religion aufzuzeigen. Es ist zwar richtig, dass man Hitler nicht als gottgläubigen Menschen bezeichnen kann, allerdings hat er sich nur zu oft auf Gott berufen, um ein verbindliches Glaubenssystem für alle Bürger zu konstituieren! J. Lennox unterlässt es, über diesen ideologischen Missbrauch der Religion aufzuklären. Auch der Marxismus kommt bei J. Lennox schlecht weg, was auf einer Fehlinterpretation desselben beruht.

Im Zusammenhang mit unethischem Verhalten wird von christlicher Seite Willensfreiheit unterstellt, um über die Schuld ein System von Moral und Vergeltungsrecht zu begründen. Autonome Willensfreiheit ist aber wissenschaftlich nicht erwiesen. In diesem Zusammenhang entlarvt sich auch die Unterstellung objektiver Werte als Bluff.

Weiterhin versucht J. Lennox die traditionelle Evolutionsethik als "Sozialdarwinismus" zu verkaufen, um sie unter Ideologieverdacht zu stellen. Um den Humanismus zu diskreditieren, bezeichnet J. Lennox Spencer, Haeckel, Fisher und J. Huxley in unredlicher Weise als Humanisten.

"Echten moralischen Altruismus" setzt J. Lennox mit Moral gleich, die er auf Gott zurückführt. Moral ist jedoch nicht vom Himmel gefallen und lässt sich sehr wohl in der Evolution verankern (vgl. Neukamm 2018).[2]

Zum Thema "Egoistische Gene" zitiert J. Lennox R. Dawkins, um eine Verbindung zu den Attentätern des 11. Septembers herzustellen, die nicht anders hätten agieren können, als "nach der Pfeife ihrer DNA zu tanzen". Damit wird der von R. Dawkins popularisierte "Genegoismus" missverstanden.

Am Beispiel des New Yorker Stromausfalls von 1977 stellt J. Lennox die Fangfrage, ob man gern in einem Land ohne überwachende Polizei leben wolle. Damals plünderten marodierende Horden über 1600 Geschäfte und legten mehr als 1000 Brände, da die Polizei nicht eingreifen konnte. Mit diesem Argument soll der Glaube an einen überwachenden und strafenden Gott als Garant für ethisches Verhalten angepriesen werden. Weiß man jedoch, wie sich die Kriminalität während des Stromausfalls stufenweise entwickelte und wer sich daran beteiligte, ist die gern von Christen hochgehaltenen Willensfreiheit nicht mehr redlich zu verteidigen. Außerdem gerät ein überwachender Gott mit dem Theodizeeproblem in Konflikt.

Es stellt sich die Frage, was von einer Ethik zu halten ist, die als primitivste Form der Motivation die Angst vor einem  strafenden Gott bedient, statt auf die Einsicht in die Notwendigkeit moralischer Regeln für ein gutes Zusammenleben zu setzen (vgl. dazu etwa Bunge & Mahner 2004, S. 196).[3]

Laut Lennox sei die Erbsünde eine Auflehnung des menschlichen Geistes gegen seinen göttlichen Erschaffer und hätte uns die neuen Atheisten beschert. Wäre da nicht ein Haken, der ausgerechnet in der Bibel zu finden ist!

Da für Christen die Auferstehung der Dreh- und Angelpunkt ihres Glaubens ist, widerspricht J. Lennox auch Gerd Lüdemann, einer Koryhäe auf dem Gebiet historischer Jesusforschung. Für G. Lüdemann waren die Erscheinungen lediglich Halluzinationen und historisch durch nichts belegt.

Zum Schluss will J. Lennox zeigen, dass das Vorhandensein von Naturgesetzen helfen könne, Wunder jenseits dieser "Grenze" zu erkennen. Definitionsgemäß sind Wunder jedoch Verstöße gegen die Naturgesetze! Das Ansinnen, mithilfe einer geordneten Welt Indizien für das Übernatürliche zu gewinnen, ist daher schon im Grundsatz verfehlt.

Fazit: Als gutgläubiger Christ kann man in diesem Buch vermeintliche Bestätigungen seiner Glaubensüberzeugungen finden. Als skeptischer Atheist musste ich die Glaubensüberzeugungen penibel prüfen und durch besseres Wissen ersetzen.    

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Fußnoten


[1] FOWID (2018) Der Mythos hoher muslimischer Geburtenraten. https://fowid.de/meldung/mythos-hoher-muslimischer-geburtenraten

[2] Neukamm, M. (2018) Brauchen wir Gott für die Moral? Besprechung des Buches "Welt ohne Gott" - Teil 9. http://ag-evolutionsbiologie.net/html/2018/widenmeyer-welt-ohne-gott-kritik-naturalismus-teil-9.html

[3] Bunge, M. & Mahner, M. (2004) Über die Natur der Dinge. Hirzel-Verlag, Stuttgart.
   

   

Autor: Klaus Steiner 

     

          

     

   

                        

           


© AG Evolutionsbiologie des VdBiol.          08.01.2019          Letzte Aktualisierung: 23.01.2019