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Faktenwissen

     

Der Kern des Design-Arguments in der Biologie 


Warum sich in der Natur kein "intelligentes Design" offenbart

     

Auf der Website des evangelikalen Vereins WORT UND WISSEN findet sich ein Grundsatzartikel über das Design-Argument in der Biologie. Letzteres nennt sich auch Intelligent Design, kurz: ID. Der Beitrag stammt von Markus WIDENMEYER und Reinhard JUNKER und dient Menschen als Handreichung, die "methodisch sauber" für Schöpfung argumentieren wollen. Vollmundig heißt es, Kritiker würden am Kern des Design-Arguments "scheitern". Entsprechend wird der Text beworben – als ein "must read" für alle, die argumentativ "up to date" sein möchten. 

Der Leser erwartet also eine argumentativ gewichtige Abhandlung zum intelligenten Design. Doch die Erwartungen erfüllen sich nur teilweise. Tatsächlich unterscheidet sich die Argumentation der Autoren nicht wesentlich von vorangegangenen Publikationen. Gleichwohl lohnt sich die Detail-Analyse. 

Zum einen stellt der Beitrag Design-Argumente kompakt statt bücherfüllend dar, was die Kritik erheblich erleichtert. Zum anderen arbeiten sich die Autoren erfreulicherweise wenig an biologischen Detailfragen ab. Dies kommt der Diskussion zugute, denn der Streit darüber, inwiefern die Evolutionstheorie diesen oder jenen Entwicklungsschritt zufriedenstellend erklärt, ist fruchtlos. Die Frage, ob die Fakten den Design-Ansatz erhärten, lässt sich nur auf dem Boden der Methodologie und Logik führen. 

Es geht zuallererst um wissenschaftstheoretische Fragen: Ist Intelligent Design eine vernünftige Alternative zur (naturalistischen) Evolutionstheorie? Ist es rational begründet und durch Forschung zu untermauern? Sind die Einwände seiner Kritiker unzureichend, wie die Anhänger des intelligenten Designs behaupten? Um diese Fragen zu klären, widmen wir uns zunächst dem Kern der Argumentation nach WIDENMEYER & JUNKER (2016) und kritisieren ihn dann systematisch. 


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Aus dem Inhalt 

     

A. Einleitung

B. Der Kern des Design-Ansatzes 

C. Kritik an der positiven Komponente des Design-Arguments 

     C.1 Aus Naturteleologie folgt keine (Handlungs-) Intentionalität 

     C.2 Lebewesen und technische Konstrukte haben radikal verschiedene Eigenschaften

     C.3 Nicht reduzierbare Komplexität 

     C.4 Der Design-Ansatz ist ohne Spezifikation nicht prüfbar 

     C.5 Ein methodologischer Vergleich zwischen ID und der Archäologie 

     C.6 Zwei Eisenmassen in der Sahara 

     C.7 Design-Modelle, die sich zirkelfrei positiv testen lassen, fehlen 

     C.8 Die Kritik des Philosophen Elliott SOBER 

D. Zielscheibenfehler: Plastizität und "programmierte Variabilität" als Design-Merkmale 

E. Das Argument der Konstruktionsfehler 

F. Kritik an der negativen Komponente des Design-Arguments 

     F.1 Nicht reduzierbare Komplexität als Einwand gegen Evolution 

     F.2 Reduzierbare Spezifität contra nicht reduzierbare Komplexität 

     F.3 Schätzungen zur Unwahrscheinlichkeit von Evolution 

G. Der Design-Ansatz in der biologischen Forschung 

     G.1 Gibt es "gute" Erklärungslücken? 

     G.2 Ist der Design-Ansatz ein "Science-Stopper", oder stärkt ihn die Forschung? 

H. Zusammenfassung 

   

Zusammenfassung 


Wie gezeigt kann die positive Komponente des Design-Arguments nicht überzeugen. Der Schluss von der funktionalen Zweckmäßigkeit und nicht reduzierbaren Komplexität biotischer Prozesse auf einen Zwecksetzer ist ohne Weiteres nicht gerechtfertigt. All unser Wissen zeigt, dass Lebewesen evolutionsfähige Mehrgenerationen-Systeme sind. Tragfähige Analogien zwischen technischen und biologischen Systemen gibt es nicht.

Zudem ist der Design-Ansatz nur prüfbar, wenn ihn seine Protagonisten spezifizieren. Er ist mit zusätzlichen Hypothesen über das mutmaßliche Schöpferhandeln zu versehen. Das Problem ist, dass konkrete Design-Modelle in der Biologie entweder keiner Prüfung standhalten, wie die These der Sechs-Tage-Schöpfung zeigt. Oder sie enthalten Hypothesen, die nicht unabhängig vom Design-Ansatz prüfbar sind. Die Annahme, der Schöpfer stecke hinter Zufallsmutationen oder schreibe das Repertoire künftiger Anpassungen in die Genome von Organismen („programmierte Variabilität“) sind Beispiele. Erst die Kenntnis solcher Design-Methoden würde sie legitimieren. Dies gilt auch für die Prämisse der Autoren, eine durchgehende natürliche Evolution schwäche den Design-Ansatz.

Design-Anhänger kombinieren den Design-Ansatz mit unterschiedlichsten, sich teils gegenseitig ausschließenden Schöpfungs- und Schöpfervorstellungen. Sie sind sich weder einig, was der Designer schuf, noch, inwieweit dieser in den Gang der Welt eingriff. Da sie also den Beitrag von Design auf völlig verschiedenen Systemebenen vermuten (und diesen auch nicht konkretisieren können), ist es absurd anzunehmen, es gäbe objektive Design-Indizien in der Biologie.

Die Wissenschaft zeigt, dass der Design-Ansatz nur fruchtbar ist, wenn die Verfahrensweisen der mutmaßlichen Urheber rekonstruierbar sind. Das heißt: Es braucht zusätzliches Designer-Wissen, um vernünftig auf Design zu schließen. Diesbezüglich unterscheidet sich Intelligent Design dramatisch von florierenden Design-Disziplinen wie der Archäologie. Der Design-Ansatz in der Biologie operiert durchweg mit Unbekanntem: Designer, die infrage kämen, kennen wir nicht. Über ihre mutmaßlichen Techniken, Fähigkeiten und Grenzen wissen wir nichts. Erforschen lässt sich dergleichen nicht. Brauchbare Modelle, welche die Fertigungs-Mechanismen spezifizieren, liegen nicht vor. Der Design-Ansatz bleibt inhaltsleer und heuristisch steril (vgl. auch HEILIG 2011, S. 91).

Eine weitere Klasse von Einwänden gegen ID bezieht sich auf den Umstand, dass seine Vertreter unentwegt den "Sinn" in der Natur herausstreichen und den "Unsinn" übersehen. Sie begehen den Fehlschluss des Texanischen Scharfschützen: Zufällig Passendes wird als Ergebnis von "Planung" gedeutet, Unpassendes der degenerativen Evolution angelastet. Das ist als würde jemand blind Gewehrkugeln auf ein Scheunentor abfeuern, um einige Einschüsse eine Zielscheibe herum pinseln und behaupten, er habe "ins Schwarze" getroffen. Die übrigen Schüsse werden nicht berücksichtigt.

In der Biologie schwächt vor allem exzessives Auftreten von Mängelstrukturen das Design-Argument. Entgegen der Behauptung der Autoren setzt dieses Argument keine theologischen Annahmen voraus. Es geht darum, dass dysfunktionale Merkmale besser zu Prozessen passen, die keinen Plan kennen. Um sie zu identifizieren, benötigen wir keine evolutiven Annahmen. Mängelstrukturen verursachen Fitness-Einbußen und erhöhte Mortalität. Sie sind an Merkmale geknüpft, die aus technischer Sicht unsinnig erscheinen und der Idee der Planmäßigkeit im Weg stehen. Die Einwände der Autoren entpuppen sich als schwache Versuche von Kritikimmunisierung.

Auch die negative Komponente, die den Schluss auf Design rechtfertigen soll, ist gescheitert. Nicht reduzierbare Komplexität wäre ein Argument, wenn gezeigt wäre, dass sie für die Evolution eine nicht überwindbare Hürde darstellte. Ein solcher Nachweis existiert nicht, und wir können ihn aus offenen Fragen zur Evolution der betreffenden Strukturen nicht ableiten. Im Gegenteil: Theoretische und empirische Argumente zeigen, dass eine Evolution nicht reduzierbar komplexer Strukturen plausibel ist. Ob sie in jedem Fall kleinschrittig und über selektionspositive Zwischenstufen verläuft, bleibt die Frage. Doch daraus folgt nicht, die Evolution sei unwahrscheinlich.

Keines der Argumente, welche die Unwahrscheinlichkeit der betreffenden Evolution begründen sollen, lässt sich schlüssig entfalten. Doch nehmen wir pro forma an, Intelligent Design hätte ein solches Argument vorzuweisen. Dann wäre zwar nicht reduzierbare Komplexität ein Argument gegen natürliche Evolution. Aber mangels überzeugender positiver Komponente des Design-Arguments wäre der Schluss auf Design nach wie vor nicht der Schluss auf die beste Erklärung. Wir würden nur feststellen, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Erklärung gibt.

Zur Frage, inwieweit der Design-Ansatz die Forschung stimuliert, lässt sich festhalten: Er kann ein Stimulus sein, etwa, wo es um Strukturaufklärung oder um die Frage der Funktionalität komplexer Strukturen geht. Meist bewirkt er, dass sich Menschen aus der Erforschung von Entstehungs-Mechanismen zurückziehen oder, wie der Fall von Todd WOOD zeigt, jedes Interesse an der Entstehung und Entwicklung des Lebens verlieren. Seine Anhänger propagieren das intelligente Design als Schluss auf die beste Erklärung, lange bevor die Naturwissenschaften den Naturalismus konsequent ausschöpften. Daher ist die Feststellung, der Design-Ansatz sei eine Wissenschafts-Bremse, zutreffend, und es ist legitim, die Frage nach seiner Motivation zu stellen.

Organisationen, die den Design-Ansatz als Instrument der Schöpfungs-Forschung propagieren, verhehlen selten, worin sein Zweck besteht. "Zu keinem Zeitpunkt", so MATT et al. (2014, S. 40), stehe bei solchen Organisationen "die Grundlagenforschung um des Wissens willen im Mittelpunkt". Vordergründig fordern sie die Ergebnisoffenheit des Forschens; im Hintergrund stehen die Erkenntnisse im Wesentlichen bereits fest. Der Zweck der Schöpfungs-Forschung ist also vornehmlich Apologetik:

"Schöpfungsforschung lässt sich zwar nicht direkt evangelistisch einsetzen, doch erfüllt sie die Funktion als 'Vorbereitungs-' und 'Unterstützungswerkzeug' zu einer Evangelisation und danach. Gerade Neubekehrte haben viele Fragen an den christlichen Glauben und brauchen in dieser Hinsicht auch fundierte Hilfe. Schöpfungsforschung bringt die Bibel in konkreten Bezug zur materiellen Welt und hilft suchenden und fragenden Menschen, Glaubenshindernisse aus dem Weg zu räumen."

Fragende Menschen, die nach bestmöglich gesichertem Wissen suchen, sollten sich keinen Illusionen hingeben: Der Design-Ansatz ist in seiner aktuellen Form kein brauchbares Erkenntnisinstrument. Ja, schlimmer: Als Instrument religiöser Missionierung konterkariert er das wissenschaftliche Ethos der freien Suche nach Wahrheit.  

     

   

Autor: Martin Neukamm

     

     

          

     

   

                        

              

   


© AG Evolutionsbiologie des VBio.          30.10.2018         Letzte Aktualisierung: 06.11.2018